Dr. Prosper Rodewyk ist erfahrener Hausarzt mit eigener Praxis im Dortmunder Stadtteil Hörde. In seiner Praxis arbeitet er unermüdlich daran, so viele Menschen wie möglich mit einer Corona-Impfung zu versorgen. Er erklärt, warum das Engagement der Ärztinnen und Ärzte so wichtig ist, warum die Impfkampagne in den Praxen bestens aufgehoben ist und warum Kreuzimpfungen sinnvoll sind. Unterhalten hat sich der Mediziner mit Redakteurin Sophie Schober.

Lokalpresse24: Herr Dr. Rodewyk, die aktuelle Impf-Kampagne ist in vollen Gange, immer wieder werden neue Impf-Rekorde vermeldet. Wie ist die Impfbereitschaft in Ihrer Praxis?

Dr. Prosper Rodewyk: Die Nachfrage ist hoch und wir können viele Menschen mit einer Impfung versorgen. Zwischen 300 und 400 Menschen können wir pro Woche impfen. Jeden Donnerstag haben wir Impf-Nachmittag, immunisieren aber auch an anderen Tagen. Wer vorbei kommt und nach einer Impfung fragt, bekommt auch eine.

Lokalpresse24: Sind es derzeit vor allem die Booster-Impfungen, die gefragt sind?

Dr. Prosper Rodewyk: In der Tat machen die Auffrischungs-Impfungen den Großteil in unserer Praxis aus. Dennoch haben wir zwischen 8-10% Erst- und Zweitimpfungen. Das deckt sich auch mit den Aussagen, die meine Kolleginnen und Kollegen aus anderen Praxen machen.

Lokalpresse24: Im Herbst haben die Impfzentren geschlossen, die Impfkampagne sollte vor allem von Hausärzten getragen werden. Laut Kassenärztlicher Vereinigung ist sie dort auch am besten aufgehoben. Dennoch hatte man das Gefühl, die Praxen können dieser Mammut-Aufgabe kaum bewältigen. Wie bewerten Sie die Situation?

Dr. Prosper Rodewyk: Wir und auch andere Kollegen haben das Pensum gut geschafft, wenn auch viel Engagement in der Freizeit gefordert war. Wir haben immerhin 350 Hausärztinnen und Hausärzte. So habe ich beispielsweise bis spät abends geimpft oder leite das Impf-Angebot beim BVB. Viel wichtiger als die Impfzentren sind niederschwellige Angebote und die Immunisierungsmöglichkeiten bei den Hausärzten.

Lokalpresse24: Also haben Sie sich zu keiner Zeit gewünscht, dass die Zentren wieder eröffnen?

Dr. Prosper Rodewyk: Nein, die Zentren waren wichtig, als wir zu beginn der Impfkampagne noch wenig Impfstoff hatten und priorisieren mussten. Damals war die Arbeit der Zentren effektiv. Jetzt ist ausreichend Impfstoff da. Hinzukam, dass bei guter Auslastung eine Impfung im Impfzentrum 160 Euro kostete, wir Hausärzte bekommen 20 Euro für eine Impfung. Nach und nach ging die Nachfrage der Zentren zurück, die Immunisierungen in den Zentren wurde wegen der großen Infrastruktur immer teurer. Es war richtig, dass diese geschlossen wurden.

Dr. Prosper Rodewyk: Es ist sehr wichtig, dass so viele Menschen wir möglich noch in diesem Jahr geimpft werden. Menschen, die vor vier oder fünf Monaten das letzte Mal geimpft wurden, können guten Gewissens auch jetzt eine Spritze bekommen.

Lokalpresse24: Die Stadt Dortmund unterbreitet etliche kommunale Impfangebote. Wie stark entlastet das den Andrang in den Praxen?

Dr. Prosper Rodewyk: Es entlastet uns schon, allerdings werden diese Angebote von Mitarbeitenden der Stadt getragen, die dürfen nur acht Stunden am Tag arbeiten. Wir Ärzte sind zehn, zwölf Stunden im Einsatz. Während die städtischen Angebote 17 Uhr schließen, machen wir Angebote für Arbeitnehmer, die erst abends zum Impfen kommen können, weil sie vielleicht Arbeitgeber haben, die sie tagsüber keine Stunde freistellen. Vor allem ist es wichtig, dass die Behörden es nicht so eng nehmen mit der sechsmonatigen Frist für die Drittimpfungen. Es ist sehr wichtig, dass so viele Menschen wie möglich noch in diesem Jahr geimpft werden. Menschen, die vor vier oder fünf Monaten das letzte Mal geimpft wurden, können guten Gewissens auch jetzt eine Spritze bekommen.

Lokalpresse24: Eine der letzten Amtshandlungen von Ex-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn war die Deckelung des Biontech-Vakzins. Dieser erhielt jedoch den größten Zuspruch in der Bevölkerung. Alle Menschen über 30 sollen Moderna bekommen. Das war jedoch wegen des erhöhten Risikos einer Herzmuskelentzündungen in den Schlagzeilen. War das ein unkluger Schachzug?

Dr. Prosper Rodewyk: Das Problem war die Kommunikation. Beide Impfstoffe sind mRNA-Vakzine und gleichen sich zu 95%. Tatsächlich ist es klug, eine Kombination von beiden zu verimpfen, um die geringe Streuung der Wirkung mitzunehmen. In der Tat gibt es für junge Männer ein leicht erhöhtes Risiko, infolge einer Impfung eine Herzmuskelentzündung zu erleiden, dennoch bleibt die Wahrscheinlichkeit sehr gering. Deutlich höher ist das Risiko einer solchen Erkrankung infolge einer Corona-Infektion. Außerdem ist eine Herzmuskelentzündung gut behandelbar. Drei Tage mit Ibuprofen ins Bett und gut ist. Hat man beim Impfstoff für junge Männer die Wahl, dann sollte schon Biontec vorgezogen werden, aber auch Moderna ist keine schlechte Wahl. Hinzukommen einige Einreiseregeln in Länder, weswegen Menschen lieber Biontec wollen.

Lokalpresse24: Welche sind das?

Dr. Prosper Rodewyk: Die USA beispielsweise. Dort dürfen nur Menschen einreisen, die durchgehend mit demselben Impfstoff geschützt sind, Kreuzimpfungen dürfen nicht ins Land. Als die Impfungen in den Praxen begannen, hatten wir kein Moderna, das gab es nur in den Impfzentren. Jetzt aber impfen wir vor allem mit dem Moderna-Vakzin. Dieser Aspekt fließt ebenfalls in die Wünsche der Patienten ein.

Lokalpresse24: Die aktuelle Impfkampagne könnte im ersten Quartal des kommenden Jahres durch fehlenden Impfstoff ausgebremst werden. Wie fatal wird das?

Dr. Prosper Rodewyk: Klar ist, dass der Mangel vom Bund gemacht ist. Dennoch ist es so, dass wir derzeit Moderna nahezu unbegrenzt bestellen können. Lieferengpässe gibt es allerdings bei Biontec. Da kommen wir gerade nicht ran. Daher ist es jetzt sehr wichtig, dass sich alle noch impfen lassen, die noch nicht geimpft sind oder eine Auffrischung brauchen. In Dortmund haben wir noch reichlich Impfstoff, der bis Februar haltbar ist, der sollte unbedingt genutzt werden. Danach könnte es tatsächlich so sein, dass lange Wartezeiten auf eine Immunisierung entstehen können.

Lokalpresse24: Die neue Variante Omikron ist mit großen Schritten auf dem Weg zu uns, die ersten Fälle sind in Dortmund bekannt. Wie groß sind Ihre Sorgen?

Dr. Prosper Rodewyk: Mutationen sind normal. Für ein Virus ist es wichtig, dass es auf Menschen trifft, bei denen es sich einnisten kann. Jetzt trifft das Virus vermehrt auf Geimpfte, die weniger anfällig sind. Daher muss es sich verändern. Klar ist auch, wir werden dem Virus immer hinterher laufen. Über Omikron wissen wir derzeit nur, dass es hoch ansteckend ist, ob es auch hoch tödlich ist, wissen wir nicht. Wir haben jetzt den ersten Omikron-Toten in England, dort sind aber Hunderttausende mit der Variante infiziert. Dafür ist ist ein Toter nicht viel. Hinzukommt, dass wir das Wissen aus anderen Ländern nicht unbedingt auf Deutschland übertragen können. Was wir aber sicher wissen: Wer dreimal geimpft ist, der hat einen recht guten Schutz vor einer schweren Erkrankung.

Lokalpresse24: Dann ist Ihr Motto „Impfen, impfen, impfen“ in jeder Hinsicht wichtig?

Dr. Prosper Rodewyk: In jedem Fall. Das ist vor allem auch für Weihnachten wichtig. Denn nur Menschen mit drei Immunisierungen sind bestmöglich geschützt. Für zweifach Geimpfte gilt das nicht. Und das müssen wir klar kommunizieren .

Lokalpresse24: Gilt ihr Motto auch für die Kinderimpfungen, die in der vergangenen Woche gestartet sind?

Dr. Prosper Rodewyk: Jein. Es ist gut, dass es das Angebot gibt. Aber dennoch bin ich dafür, genau zu bewerten, welche Kinder geimpft werden sollten.

Lokalpresse24: Impfaktionen an Schulen schließen sie also aus?

Dr. Prosper Rodewyk: Ich bin in dieser Sache eher zurückhaltend, denn ich fürchte, dass unter den Kindern eine Drucksituation entsteht, wenn die Impfungen so sichtbar sind. Wer nicht geimpft ist, der erhält schnell ein Stigma. Außerdem benötigen wir die Anwesenheit der Eltern und auch die Zustimmung beider Elternteile. Das ist besonders bei Alleinerziehenden schwierig. Sollte sich allerdings herausstellen, dass die Omikron-Vriante besonders für Kinder gefährlich ist, dann müsste man solche Aktionen neu bewerten.

Lokalpresse24: Nun haben wir seit kurzem mit Karl Lauterbach einen neuen Bundesgesundheitsminister, der vom Fach ist. Glauben Sie, dass er die Pandemie besser in den Griff bekommen wird?

Dr. Prosper Rodewyk: Nur weil Karl Lauterbach Epidemiologe ist, wird das Virus nicht anders, Bisher hat er viel geredet, aber nie Verantwortung gehabt. Das ist nun anders. Wir müssen ihm an seinen Taten messen. Sicher ist es gut, dass er mit Sachverstand an die Sache geht – damit kann er eventuell schneller reagieren. Dennoch hat er eine Reihe von fachkundigen Beratern im Ministerium. Es ist viel wichtiger, dass er das Ministerium auch managen kann. Wir hatten ja schon einmal mit Philipp Rösler einen Gesundheitsminister, der selbst Mediziner ist. Und der war schnell wieder weg. Es bleibt also abzuwarten.

Lokalpresse24: Vielen Dank für das Gespräch.

Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde am 15.Dezember geführt. Alle getroffenen Aussagen sind nach dem damaligen Wissensstand getroffen wurden.

Foto: Sophie Schober