Ich kann Walentina nicht erreichen. Seit Tagen komme ich telefonisch nicht durch. Auch auf meine E-Mails kommt keine Reaktion. Das macht Angst.

Walentina und ihren Mann Wolodja kennen wir seit 30 Jahren. Damals bin ich als Reporter erstmals nach Kiew gefahren. Anlass war der fünfte Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl. Seitdem pflegen wir freundschaftlichen Kontakt. Walentina und ihre Familie waren inzwischen mehrfach bei uns zu Gast. Doch jetzt wollten sie nicht kommen, obwohl ihre Wohnung im Kiewer Außenbezirk Watitiuski gefährdet ist.

Doch ihr Sohn Maxim ist als ehemaliger Fallschirmjäger, wie viele Reservisten, eingezogen worden. Ihre Schwiegertochter Irina will bleiben, weil sie als Ärztin gebraucht wird. Und wer soll sich dann um ihre beiden Enkelkinder kümmern?

Dabei hätten Walentina und Wolodja alle Ruhe der Welt verdient. Sie stammen aus Pripjat, der Stadt in der Nähe des Kraftwerks, das 1986 zu einer schrecklichen Berühmtheit wurde. Als junge Ingenieure waren sie dort beschäftigt und gehörten nach der nuklearen Katastrophe zu jenen „Freiwilligen“, die beim Aufräumen der Trümmer und der Sicherung des Reaktors halfen. Das hat sie die Gesundheit und viele ihrer Freunde das Leben gekostet.

Nun sind sie wieder in Lebensgefahr – und ich komme nicht zu ihnen durch. Ein Gebet kann nicht schaden!